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Außergewöhnliche Menschen aus dem Pott

Aktualisiert: 28. Nov. 2024

Das Vermächtnis der „Anderen“


Die vegan utilitaristische Szene-Schmuckdesignerin von Duisburg


>>Kann man liken kann man lassen<<,

ein Zitat, dass Sara Bischoff begleitet. Sie zieht Parallelen zu ihr eigenes Leben:

„Sei du selbst, irgendjemand findet dich eh immer scheiße! Das spiegelt das wieder. […] Entweder ihr findet cool was ich mache, aber ist auch völlig ok, wenn ihr mich doof findet. Ich kann nicht allen gefallen und ich muss daran arbeiten, dass ich das auch nicht möchte.“ Kanonisch hierfür das Lied Neider machen Leute der deutschen Band Jennifer Rostock.


Abb. 1: Sara B. vor ihrem Logo in ihrer Werkstatt. Quelle: JI
Abb. 1: Sara B. vor ihrem Logo in ihrer Werkstatt. Quelle: JI


Berliner Szenekult im Pott

 

Im Pott geboren und seitdem hier ansässig – die 36-Jährige Sara Bischoff erzählt strahlend über sich selbst, stellt sich dies jedoch ziemlich schnell als eine waghafte Selbstreflexion heraus.

„Geboren bin ich offiziell in Duisburg, aber in Moers aufgewachsen - die ersten 23 Jahre. Dann bin ich nach Duisburg gezogen und seitdem switche ich immer zwischen ein paar Vierteln hier.“

 

JI: „Du hast mir verraten, viele halten dich für eine Berlinerin?“

 

Sara: „Ja, tatsächlich. Weiß ich aber gar nicht warum. Ich bin oft in Berlin und da ist so ein bisschen mein Herz – wahrscheinlich liegt es an den Sachen, die ich mache – deswegen glauben die Leute wahrscheinlich, weil es dort sehr viele Leute gibt, die sich natürlich für so eine Art von Mode interessieren und da ist das ja sehr >>in<< würde ich sagen.“

 

JI: „Würdest du sagen, du bist hier für den Pott vielleicht etwas zu >>abgespaced<< oder zu szeneartig unterwegs?“

 

Sara: „ […] Für mich ist mein Aussehen normal und ganz viele Freunde sind auch ganz stark tattoowiert. Eine sehr gute Freundin – Lisa – ist auch sehr gut tattoowiert. Sie hat ein Studio. Für mich ist das normal und ich kann sehr schwierig einschätzen, wenn man nicht in meiner Haut steckt. Also ich würde sagen, es ist ok, aber meine Eltern finden das wahrscheinlich doof, ja.“ Sara lacht.

 

Ich sitze Sara während des Gesprächs gegenüber. Im Nachhinein verriet sie mir, dass sie aufgeregt war und nicht immer direkt wusste, was sie antworten sollte. Doch genau das machte das Gespräch noch authentischer. Wir kamen weiter ins Gespräch.

 

JI: „Du hast grüne Haare, du bist tattoowiert, du hast sehr auffälligen Schmuck […] und ich denke, dass das nach außen hin vielleicht für viele bunt und komplett anders wirken kann und man deswegen vielleicht auch denken könnte, du kommst aus der Großstadt. Das ist aber das, was dich mit ausmacht und ich denke, das ist gleichzeitig auch der Punkt, der dich und dein Gewerbe womöglich wieder hervorhebt.“

 

Sara: „Das kann gut sein. […] Ich glaube das ist ein Punkt, weshalb ich mich in Berlin wahrscheinlich wohl fühle. Da werde ich nicht sofort angekuckt, wie hier. Ich muss aber dazu sagen, natürlich mag ich mein Aussehen, aber an manchen Tagen, wo es mir nicht so gut geht, ist es dann ein bisschen so, dass ich mir denke >>Ich möchte eigentlich gerade nicht angekuckt werden und ich möchte nicht auffallen<<. Das ist eine große, große Diskrepanz. Aber ich möchte definitiv so aussehen, wie ich aussehe, ja.“

 


Der Weg zum eigenen Pfad des Glücks

 

Bereits während eines Vorgesprächs stellte sich heraus, dass Sara eine umfassend starke Persönlichkeit ist. So kamen wir von ihrer eigenen Vorstellung zum philosophischen Weg.

 

JI: „Wie würdest du dich selbst beschreiben?

 

Sara lacht: „Ich würde mich als jemanden beschreiben, […] ich weiß, dass ich nach außen hin sehr selbstbewusst wirke und ich weiß aber, dass ich das nicht bin. […] Ich glaube ich wirke stark und bin aber sehr fragil und nehme mir sehr viel zu Herzen und denke sehr viel nach, wie ich bin und was ich mache.“

 

JI: „Das waren sehr starke Worte. Du bist definitiv ein Herzmensch, das merkt man.“

 

Sara lächelt gerührt, merkt man doch eine peinliche Berührung. Sie verrät mir, dass sie Komplimente nur schwer annehmen kann.

 

JI:“ Kommen wir zu einem besonderen Thema: Wie würdest du Glück für dich bezeichnen?“

 

Sara: „Das ist eine interessante Frage und da habe ich auch in letzter Zeit oft drüber nachgedacht, ob ich glücklich bin, weil meine Eltern mich das oft fragen. Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen glücklich sein und zufrieden sein. Und ich glaube, glücklich bin ich, wenn ich gesund leben und arbeiten kann, sowie es jetzt ist. Ich bin super happy in meiner Partnerschaft, ich bin super happy mit meinem kleinen Business – wie wir leben.

“ Es gibt einen Unterschied zwischen glücklich sein und zufrieden sein.

Zufrieden  werde ich aber nie sein, weil ich glaube, wenn ich zufrieden bin, habe ich keinen Antrieb mehr. Ich glaube, ich werde immer Ideen haben, die ich umsetzen muss. Einfach Ideen in meinem Kopf, wo ich irgendwann mal hin will, was ich ausprobieren will, welche Erfahrungen ich sammeln möchte und wenn es die nicht gäbe und ich sagen würde, ich bin hundertprozentig zufrieden, ich glaube, dann wäre ich leer.“


JI: „Würdest du sagen Glück kann man demnach eher gleichsetzen mit innerer Zufriedenheit, mit zwischenmenschlicher Zufriedenheit, anstatt mit finanziellem Reichtum?“

 

Sara: „Absolut! […] Mein Ziel ist es nicht reich zu werden, sondern glücklich zu leben und zu arbeiten. Und wenn das bedeutet, dass ich weniger verdiene, aber wirklich happy bin, gesund – körperlich und geistig – wobei das immer ein bisschen schwierig ist. Das ist mein Ziel! Das bedeutet Glück für mich: gesund zu leben!“

 


Berufliches Perspektiven-Aus

 

JI:“ Wie sah dein beruflicher Werdegang vor der aktuellen Situation aus?“


Sara: „Ich habe irgendwann mein Abi geschmissen und war da schon sehr planlos. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, was ich studieren sollte und bin dann auf ein Berufskolleg gegangen und habe da mein Fachabi nachgeholt. Habe sehr gut abgeschlossen – in Gestaltung – und bin damit dann studieren gegangen an der Hochschule Niederrhein nach Krefeld und habe da Kommunikationsdesign studiert. Und während des Studiums habe ich meinen ersten Chef kennengelernt, der mich in die Firma geholt hat. Da waren wir zu dritt, sehr klein, sehr nah. Eher freundschaftlich, in die Richtung. Irgendwann hatte ich keine Zeit mehr zu studieren und habe das immer aufgeschoben. Habe verschiedene Bachelorarbeiten angefangen, aber es war immer zu viel. […] Nach vier, viereinhalb Jahren, hatte ich ein Burnout und bin in die nächste Firma nach Essen als Projektmanagerin gegangen, auch immer noch im Hinterkopf, ich bin noch eingeschrieben und ich muss meine Bachelorarbeit noch schreiben und habe da realisiert >>Ich werde nicht mehr in der Grafik arbeiten<<. […] Ich habe dann beschlossen, mich ohne Abschluss letztendlich zu exmatrikulieren. Es war kein einfacher Schritt für mich, weil ich immer dachte >>Wer nimmt dich denn ohne Studium<<. Aber die Entscheidung musste ich einfach treffen, weil ich mir dachte

“ Wer nimmt dich denn ohne Studium?

>>Die Erfahrung kann man mir ja nicht einfach nehmen<<.  […] Seit dem Burnout hat mir eine Perspektive gefehlt. Ich habe mich in keiner Firma wohl gefühlt, aus ganz verschiedenen Gründen – so viele Anforderungen; nicht gut genug zu sein; ein Gesicht dort zu haben, was ich nicht habe und mich verstellen zu müssen […] – habe dann Jobs gewechselt und war dann vor der Gründung von LUNENOIR bei einem Berliner Startup als Marketingberaterin eingestellt – Teilzeit – und habe da aber auch einfach gemerkt, in jeder Minute die ich für andere arbeite, die macht mich nicht nur nicht glücklich, die macht mich unglücklich. Mir fehlte immer noch der Sinn. Seit dem Burnout fehlte mir komplett der Sinn in der Arbeit für andere. Da war keine Leidenschaft mehr dahinter, die ich hatte. Dann wurde ich krank. Ich hatte wieder schwer mit Depressionen lange Zeit zu kämpfen und als ich mir dann den Krankenschein genommen habe und in eine Tagesklinik gehen wollte, wurde ich gekündigt. […] Man hat mir gut zugeredet, dass wir das versuchen. Dass ich das gründe und dass ich das mache, was mich glücklich macht, doch auch versuchen könnte, beruflich zu machen. Nicht nur nebenberuflich im Kleingewerbe.“

 

JI: „Du erzähltest mir beim letzten Mal, dass du gerne Psychologie studieren wolltest. Hättest du lieber diesen Weg eingeschlagen oder, wenn du zurückblickst, würdest du sagen, das alles so gelaufen ist, wie es laufen sollte?“


Sara: „Absolut! Ich würde immer sagen, es ist so gelaufen, wie es laufen sollte. Und ich bin auch der Meinung, dass alles was ich erlebt habe, für irgendwas gut ist. Alleine, dass ich daraus gelernt hab` und vielleicht würde es mir nicht so gut gehen, hätte ich das jetzt auch nicht gegründet. […] Psychologie war damals mal ein Thema, das mich einfach interessiert hat, als ich noch ein bisschen im Struggle war auf dem Gymnasium >>Was studierst du?<< […]. Hab´ ich dann aber auch ganz schnell verworfen. Ist aber ein Thema, was ich interessant finde, alleine wie ich mich ja auch viel mit meinen >>Issues<< auseinandersetze. […]“



Notbremse vor dem ewig dunklen Tunnel

 

Während ihrer beruflichen Laufbahn, sammelte Sara viele Erfahrungen – fachbezogene, aber auch persönliche. So entwickelte sich im Laufe der Jahre Burnout und die Neurosenform Depression. Sara wirkte während des ganzen Interviews sehr stark auf mich und konnte und wollte über alle Themen sehr offen reden.

 

JI:“ Wann hat es für dich diesen festen Entschluss gegeben, […] dass du von heute auf Morgen dieses Unternehmen hier gegründet hast.“

 

Sara: „Das war definitiv, nachdem ich gekündigt wurde. Das war der ausschlaggebende Punkt. Ich muss aber dazu sagen, mich als Einzelunternehmerin eingetragen, habe ich bereits ein halbes Jahr vorher. Das habe ich dann quasi so ein bisschen nebenbei gemacht und als ich gekündigt wurde, war nach zwei Tagen wo ich wirklich down war, wo ich keine Perspektive mehr hatte und ich als Sicherheitsmensch keinen Job mehr hatte, da war dann der Groschen gefallen. […] >>Wenn nicht jetzt, wann dann?<<. Also jetzt habe ich schon mal […] den Grund gelegt, mache das ja schon eine Weile und habe schon eine Community aufgebaut. Ich versuch`s jetzt hauptberuflich. Mal kucken. Die Kündigung, als ich krank wurde, war mein Grund. Einfach aus Prinzip,

Abb. 2: Sara B. mit ihrer eigenen Schmuckkollektion (Quelle: Instagram)
Abb. 2: Sara B. mit ihrer eigenen Schmuckkollektion (Quelle: Instagram)

weil ich das sehr scheiße fand.“


JI: „Quasi als kleine Auflehnung. Man kann dadurch festhalten, du möchtest auch als Vorbild für andere vorangehen. Du möchtest anderen zeigen, wenn sie einen Traum haben, dann macht das einfach.“

Sara: „Absolut! Und ich kann halt nachvollziehen, wie schwer das ist. Wie schwer das ist, dass man Sicherheit braucht und was mach´ ich, wenn´s. nicht läuft. Und es ist einfach so viel Arbeit. Wenn ich nur eine Person, die sich gerade in so einer Situation befindet, […] wo es seit Jahren schlecht läuft, die den Sinn darin nicht mehr sieht, erreiche, da ist mein Ziel eigentlich schon erreicht. Dann kann ich sagen >>Änder` die Dinge, selbst wenn du in die nächste Firma gehst, wo´s nicht optimal ist, hast du´s versucht und dann kannst du dir immer noch etwas anderes suchen<<. Ich weiß, das ist nicht einfach, es ist so leicht gesagt immer und da hängt ja auch noch viel anderes dran, was ich auch erlebt hab´ - Leute zu enttäuschen, man ist ja auch befreundet, so nach dem Motto – aber trotzdem, als Angestellte:r bist du nur angestellt. Versuch`s, du hast nur dieses eine Leben. Versuch es weiter.“

 

JI: „Hättest du dir damals gewünscht, als du gekündigt wurdest, anders von deinem Chef behandelt zu werden oder von deinen Kollegen? Andere Möglichkeiten geboten zu bekommen?“

 

Sara: „Im Nachhinein nicht. Ich muss sagen, ich muss differenzieren – meine Kolleg:innen waren der Hammer! Die haben mir alle auch privat geschrieben. Ich habe remote gearbeitet, ich kannte die Leute also auch nicht persönlich. Meinen Chef schon, weil als ich mal in Berlin war, haben wir uns mal getroffen. […] Theoretisch hätte ich es mir anders gewünscht, aber es hat mir auch mal wieder gezeigt, du bist nicht mit deinem Chef befreundet. Auch nicht, wenn er ein >>Startup-Heini<< ist, weil Startups ja immer so jung und hip sind. Und wir sind alle per-Du und wir haben ja so einen coolen Kontakt. Nein, es ist ein Angestelltenverhältnis und wenn dann eine Entscheidung getroffen wird, dann wird diese Entscheidung getroffen. Dann ist es egal, wie gut ihr euch versteht. […]“

“ Weil Startups ja immer so jung und hip sind.

JI: „Man sagt ja gerne, Kollegen sind wie eine zweite Familie, weil man einen Großteil des Tages mit ihnen verbringt. Würdest du sagen, es kann ganz schnell passieren, dass das Ganze zu freundschaftlich, zu familiär werden kann?“ Noch während ich meine Frage zu Ende formulierte, beginnt Sara zu lachen.

 

Sara: „Ja. Da kann ich absolut JA sagen! Und die Erfahrung habe ich wirklich sehr sehr stark gemacht. Einerseits in Richtung >>Wir sind eine Familie und wenn du dich woanders bewirbst, bist du nicht mehr loyal und dann behandeln wir dich wie einen ausgestoßenen<<. Also wenn eine Firma immer sagt >>Wir sind eine Familie<<, renn, sag ich immer. Das ist nicht gut, denn das setzt einen halt auch sehr unter Druck, denn wenn du krank bist, wer macht es dann? Da leiden ja meine >>Freunde<< darunter, nicht >>Naja, wenn ich krank bin, hat mein Chef die Aufgabe, jemand anderes zu finden<<. Nein, dann ist es halt >>Aber es sind ja meine Freunde, ich kann die ja nicht enttäuschen. Dann geh´ ich halt krank zur Arbeit<<. Das ist glaube ich ein ganz großes Problem. Ich weiß nicht, wie es in normalen Unternehmen läuft. Aber in der Werbebranche ist es bisher immer so gelaufen und ich hab´ diese Erfahrung gemacht. Wenn es zu nah wird, dann wirst du in eine Verantwortung gedrängt. Dann wird eigentlich die Verantwortung von deinem Chef auf dich abgewälzt. Dann bist du nämlich dafür verantwortlich, wenn du krank bist, dass die Arbeit trotzdem gemacht wird.“

 

JI: „Deine Kolleg:innen haben dich in dieser Zeit super unterstützt, gerade auch seelisch. Dein Chef war hierbei jedoch etwas spezieller?“

 

Sara: „Mein Chef war da definitiv ein Geschäftsmann. […] Er hat gesagt >>Ich weiß, dass es jetzt ´ne blöde Zeit ist, aber wir haben uns dafür entschieden<< und das war auch sehr strikt. >>So, ich weiß, das ist doof, aber wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen und das ist jetzt so und so<<. Das war sehr kalt und war halt nicht mehr diese locker, flockige >>Ach, ist doch alles super cool hier<<. Jetzt wird wirtschaftlich gedacht und du bist raus.“

 

JI: „Wie hast du dich damals selbst wahrgenommen, als es auf den Burnout langsam zuging bzw. auch als du diesen Burnout bereits hattest?“


Sara: „Gar nicht mehr. […] Ich hab´ mich immer mehr entfernt. Ich hab´ immer mehr den Sinn verloren, um auch offen zu sein, eigentlich jeden Tag Suizidgedanken gehabt, weil ich nicht wusste, wer ich bin, wo ich hin will und diese Firma, die ich viereinhalb Jahre begleitet hab´, von >>Wir sind zu dritt bis hin zu Wir sind super schnell gewachsen<<. Ich hab´ gute Freunde, mit denen ich immer noch befreundet bin, dahin geholt und die wurden auch nach und nach krank. Es ging allen nicht gut und das hat so viel mit mir gemacht. Einerseits das und ich wusste es ist nicht gut und andererseits >>Was mach´ ich denn sonst? Ich hab´ doch nur das<<. Plus mir wird eingeredet >>Wer will dich denn sonst?<< oder >>Du bist nicht genug. Naja, so viel kannst du ja nicht<<. Und wenn das alles zusammenkommt, bist du leer. Ein Burnout ist eine Depression – ist eine große Depression und einem fehlt der Sinn der Dinge, die man jeden Tag tut. Und wenn man enttäuscht ist, von der Firma, die eigentlich dein Leben ist, wenn du wirklich 24/7 arbeitest, dann hast du quasi kaum noch was und eigentlich nimmst du dich dann selber gar nicht mehr wahr.“


JI: „Wie denkst du, haben deine Mitmenschen dich wahrgenommen?“


Sara: „Die anderen haben definitiv gemerkt, dass es immer schlimmer bei mir wird. Das man sich auflehnt. Das ich anfange meine Grenzen aufzuzeigen – das hat aber nie geklappt. Und dass ich mich dann natürlich auch immer mehr zurückziehe und nicht mehr bereit bin, die Dinge zu machen. Aber mit meinen Freunden habe ich auch geredet. Also das waren ja wirklich Freunde, die ich vorher schon hatte, die ich in die Firma geholt hab´. Die hatten das Problem nicht mit den Grenzen. Die haben das von Anfang an geschafft und ich nicht. […]“

 

Da mir Sara´s Wolhbefinden sehr wichtig ist, fragte ich sie, wie sie sich nach ihren Erzählungen bis dato fühlte. Für Sara ist es gut und wichtig, offen mit ihrem Erlebten umgehen zu können. Ihre Social Media Community erlebt die reale Sara >>Wie sie nun mal ist<<. Geht es ihr nicht gut, teilt sie das auch auf ihrem Unternehmens-Account von LUNENOIR.

 


Raus aus dem unglücklichen Hamsterrad

 

JI: „Du erwähntest vorhin, dass du finanziellen Reichtum nicht primär als Glück ansehen würdest und dass es auch nicht dein Ziel ist. Wo möchtest du mit dem was du dir gerade aufbaust hin? Was ist dein Hauptziel mit LUNENOIR?“

 

Sara: „Mein Hauptziel ist die Erfahrung selber glaube ich. Ich muss auch dazu sagen, ich meine mit

Abb. 3: Sara B. in ihrer Werkstatt. Quelle: JI
Abb. 3: Sara B. in ihrer Werkstatt. Quelle: JI

Reichtum mehr Geld als ich benötige. Na klar, ich kann mir meinen Urlaub leisten, ich hab´ ne schöne Wohnung. Natürlich ist Geld wichtig. Gerade wenn man gar kein Geld hat oder wenn sich Leute kaum noch Essen leisten können. Davon reden wir nicht. Ich meine nur mehr Geld, als ich benötige. Da hab´ ich lieber weniger und hab´ mein Minimum, bin aber glücklich. Um auf mein Ziel zurückzukommen. Ich mache Anfertigung, jetzt war ich auf einer Messe, das gehört dazu. Diese Erfahrung hab´ ich gemacht. Das heißt natürlich auch, meine Einnahmen werden wieder verwendet für Materialienbeschaffung, andere Ideen die ich entwickeln kann. Vielleicht auch mal außerhalb meiner Komfortzone. Mal vielleicht sagen >>Ich mach mal ein größeres Projekt, dass ich mal ins Ausland verschicken kann<< oder ´ne ausländische Messe mache. Ich glaube mein Ziel ist, erstmal immer mehr Ideen und alles was dazu gehört, auszuprobieren, das machen zu können und wenn es irgendwas gibt, was dann nicht so sinnvoll ist oder wo ich denke >>Hast´ jetzt einmal gemacht und muss ich nicht nochmal machen<<, dann ist es auch ok. […] Und wenn ich irgendwann in eine andere Richtung gehe oder was anderes machen möchte, dann möchte ich mir das auch einräumen, das zu machen. Ich weiß nicht, ob ich in zehn Jahren nicht vielleicht einen anderen Traum hab´. Ob ich in Richtung Fashion gehe. […] Mein Traum ist, meine Ideen umzusetzen. […] Ich kenn die Ideen nicht, die ich in fünf Jahren hab´. […]“

 

JI: „Man merkt auch, du lebst im hier und jetzt – nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Du machst einfach jetzt dein Ding. Dieses >>kurvige geradlinige<<.“

 

Dies brachte uns beide erneut zum Lachen.

 

Sara: „Das hast du schön gesagt. Ja, wobei ich vom Kopf her oft in der Vergangenheit lebe und darüber nachdenke, was alles passiert ist. Aber ja, das >>kurvige geradlinige<<. Ich glaube jetzt ist der Zeitpunkt, diese Dinge auszuprobieren. Auch mal zu scheitern in ein paar Dingen. […] Immer weiter. Immer kucken, wo es hingeht.“

 

JI: „Findest du scheitern ist gut oder zieht dich das grundsätzlich erstmal runter?“

 

Sara: „Auch eine sehr interessante Frage, über die ich mir oft viele Gedanken gemacht habe.

“ Scheitern […] eine Erfahrung, […] aus der man lernt.

Mich zieht es erstmal komplett runter, ich weiß aber das Scheitern total wichtig ist und Scheitern hat eine viel zu negative Bedeutung. Eigentlich ist Scheitern nur eine Erfahrung, die man gemacht hat, aus der man lernt. Das heißt, wenn du an irgendwas scheiterst, kannst du was anderes mit dieser Erfahrung vielleicht viel besser machen.“

 


LUNENOIR – Szene für jeden!

 

JI: „Was macht deine Marke besonders? Was macht deine Marke aus?“

 

Sara: „Ohne das es generisch klingt, viel – nicht tierisches (Sara lächelt) – Herzblut. Viel Liebe. Die Gedanken dahinter, warum ich das mache, warum ich natürlich auf tierische Materialien verzichte, meine ganze ethische Vorstellung dahinter, die man nicht teilen muss, wenn man meinen Schmuck trägt, die ich aber definitiv in den Vordergrund stelle, wenn ich Anfragen bekomme, ob ich auch was mit Leder machen möchte. […] Ich glaube meine Intention ist, ich kann nie alles immer richtig machen, aber ich versuch´s in gewisser Weiße. Ich versuch natürlich meine Lebensart auf meine Marke widerzuspiegeln.“

 

JI: „Dein Schmuck ist sehr individuell – keine Massenproduktion. Du bereitest alles in feinster Handarbeit zu. Du erzähltest mir, du kaufst alle Materialien s. z. s. im Rohformat ein und kreierst den Schmuck komplett selber.“

 

Sara: „Genau. Plus. Ich mache alles mit individuellen Maßen. Also Sonderanfertigungen auf Maß – auch >>Plus-Size<<. Ich hab´ meine Modelle, die ich dann reproduziere von Hand, aber ich nehm´ natürlich auch ganz spezielle Sonderwünsche an. Also wenn jemand verschiedene Anforderungen hat – eine bestimmte Farbe oder was ganz abgefahrenes […] und dann noch mit zehn Meter langen Ketten oder aus Kunstleder gestanzte Blumen. Also die grobe Vorstellung und daraus möchte ich dann ein Design machen. Und das sind dann auch sehr sehr individuelle Stücke, die ich dann herstelle, ja. Und das freut mich auch total, dass die Leute Bock auf sowas haben, ja.“



Vegan wird positiv gehyped

 

JI: „Vegan liest man mittlerweile überall – Internet, Supermärkte. Empfindest du dieses vegane an sich eher als Hype, der immer mehr aufkam oder würdest du sagen, es ist vielmehr ein ernstzunehmender Lebensumstand, der mittlerweile auch an wirtschaftlicher Bedeutung zugenommen hat?“

 

Sara: „Beides. Aber das erste nicht im negativen Sinne. Ich glaube, wenn Veganismus >>gehyped<< wird, ist es was Positives, weil immer mehr Leute sich überhaupt mit diesem Thema beschäftigen. Also, wenn immer mehr Leute erreicht werden, können sie sich ernsthaft darüber Gedanken machen >>Ist es was für mich<< und merken dadurch >>Ach, ich wusste gar nicht, dass ich mich vegan vielleicht auch ganz easy ernähren kann<<. Das heißt, das ist ein sehr positiver Hype, den ich empfinde und ich find`s total schön, wie immer mehr Leute sich mit Ernährung auseinandersetzen. Es ist halt nicht wie vor zehn Jahren. Da war´s schwierig, sich vegan zu ernähren. Heutzutage hat man Ersatzprodukte – da mag man jetzt sagen, ob es jetzt ungesund ist oder nicht oder verarbeitet – es ist zumindest ein Einstieg für die Leute, die sich gerne mal vegan ernähren möchten, aber irgendwie nicht wissen, wie und die dadurch sich langsam auch viel mehr mit Nahrungszubereitung und Ernährung überhaupt mal auseinandersetzen und was man für tolle Sachen mit Gemüse überhaupt machen kann.“

 

JI: „Wann hat für dich die Lebensumstellung begonnen, dass du gesagt hast >>Ich will mich jetzt vegan ernähren<<?“


Sara: „Kann ich dir genau sagen – während des Burnouts! Genau da hab´ ich nämlich überlegt, was ist nicht gut. Was läuft nicht gut in meinem Leben. Was macht mich komplett unglücklich. Und das war eigentlich zu diesem Zeitpunkt der Freundeskreis indem ich mich befand, mein Job und meine Beziehung. Und meine Ernährung, also meine Lebensform meine ich. Ich war vegetarisch zu dem Zeitpunkt. […] Ich konnte einfach nicht mehr damit leben trotzdem mit meiner Ernährung Tierleid zu fördern und das hat mich unglücklich gemacht und das hab´ ich dann halt auch geändert, ja.“

 

JI: „Tiere und Umwelt lagen dir demnach schon immer am Herzen?“


Sara: „Absolut! Ich war auch ganz früher, ich glaub so mit 15, 16, 17, 18 schon vegetarisch, zum Leid meiner Eltern (Sara lächelt), weil das ganz schlimm für die war. Total nervig, für mich anders zu kochen. Und dann hab´ ich irgendwann wieder Fleisch gegessen, aber ich hab´ mich nie wohl gefühlt. Es war zwar einfach, aber bin dann irgendwann wieder auf die vegetarische Richtung >>umgeswitched<< und im Burnout hab ich dann aber auch gemerkt, dass mich das komplett unglücklich macht, wenn ich´s nicht ganz vegan mache.“

 

JI: „Beschreibe bitte etwas näher, was für dich >>vegan<< bedeutet. Wann ernährt man sich vegan oder wann lebt man vegan?“

 

Sara: „Eigentlich indem du komplett auf alle tierischen Lebensmittel verzichtest. Also keine Milch, keine Eier, nichts was quasi von Tieren stammt. Ich weiß, viele sagen >>Aber Milch ist ja ok<< - die Massentierhaltung, […] das Ausnutzen von Tieren ist das, was gegen meine ethischen Prinzipien geht. Das ein Lebewesen ausgenutzt wird, für den Genuss von uns, sag ich mal. Die Tiere leben nicht gut. Auch die freilebenden Kühe. Ich finde das sehr anmaßend. Das ist meine persönliche Meinung, unseren Genuss über das Wohl von Tieren zu stellen. Und deshalb konnte ich damit nicht mehr leben und deswegen war´s eigentlich auch nie ein Verzicht von mir. Ich hab´ nie das Gefühl gehabt >>Aah, ich würd´ das aber gerne essen<<, sondern ich möchte es einfach gar

Abb. 4: Sonderanfertigungen sind ebenfalls möglich. Quelle: Lunenoir.de
Abb. 4: Sonderanfertigungen sind ebenfalls möglich. Quelle: Lunenoir.de

 nicht mehr.“

 

JI: „Du hast vor allem vom Essen gesprochen. Bezieht sich der Veganismus auch auf Kleidungsstücke und Wohnaccecoires? Sagst du, du möchtest selbst hier keine tierischen Felle oder Leder in deiner Wohnung haben?“

 

Sara: „Genau. Das ist ja auch immer eine individuelle Entscheidung. Ich möchte aber zum Beispiel nichts kaufen, was aus Leder ist, wie ich damit einfach auch eine Industrie unterstützen würde. Ist einfach eine Kopfsache. Oder auch Felle oder Schuhe. Bei diesen achte ich darauf, dass sie aus veganem Leder sind, wie halt bei meinen Materialien für meinen Schmuck.“

 

JI: „Du erwähnst es nochmal: du verwendest vor allem vegane Materialien für deinen Schmuck.“

 

Sara: „Genau. Also nichts tierisches – Kunstleder.“


JI: „Das heißt, wenn ein Kunde oder eine Kundin dich dennoch fragen würde, ob du etwas

Abb. 5: Anfertigung eines neuen Maßstücks. Quelle: JI
Abb. 5: Anfertigung eines neuen Maßstücks. Quelle: JI

tierisches benutzen würdest, würdest du auf den Kundenwunsch eingehen? Man sagt ja für gewöhnlich >>Der Kunde ist König<<.

 

Sara muss lachen: „Auf keinen Fall! Das würde ich ablehnen, habe ich auch schon. Ich glaube >>Der Kunde ist König<< ist ein sehr gefährlicher Spruch und er stammt aus einer Zeit, wo man anderen Leuten immer alles Recht machen möchte und das ist auch etwas woran ich immer knabbern muss, weil ich auch dazu tendiere. Nein, der Kunde ist nicht immer König. Der Kunde ist so, wie er auch zu mir ist. Wenn er doof zu mir ist, warum soll ich dann freundlich sei? Das ist mein Business und das sind meine Anforderung und meine Entscheidung. […]“

 

JI: „Wenn du dich mit deinen Kunden und Kundinnen, durch die individuellen Anfragen beschäftigst, nimmst du dann vermehrt wahr, dass es hauptsächlich Menschen sind, die selbst bereits vegan leben?“

 

Sara: „Da habe ich gar nicht so viele Berührungspunkte mit, weil ich mit den meisten natürlich auf einer professionellen Ebene schreibe. Ich würde aber sagen, dass meine Kundschaft eher in die sehr offene, nachdenkliche Richtung geht. Nachdenklich im Sinne von über Umweltschutz nachdenken. […] Das ist mein Eindruck. Leute, die sich da tummeln, die vielleicht nicht nur meinen Schmuck mögen, sondern auch mich und da muss es ja einen Berührungspunkt geben. Wenn man ganz cool findet, was ich mache, wird man wahrscheinlich politisch nicht komplett in eine andere Richtung gehen und auch nicht der absolute Fleischfanatiker sein.“

 

JI: „Also welche mit einer bewussteren Haltung.“

 

Sara: „Genau, bewusst. Die bewusster über diese Themen nachdenken.“



LUNENOIR goes around the world?!


JI: „Dein Business ist nun ordentlich angewachsen. Deine Follower, alleine auf Instagram, steigen immer mehr. Hast du hauptsächlich Kunden und Kundinnen aus dem Deutschen Raum oder bist du schon sehr international unterwegs?“

 

Sara: „Das sind vor allen Dingen Leute aus Deutschland, alleine weil ich dieses Jahr ausschließlich nach Deutschland versende, weil es einfach ein rechtliches Ding ist. Darum muss ich mich erstmal kümmern. Dafür brauch` ich auch noch einen speziellen Steuerberater, was diese ganzen Prozesse im Hintergrund angeht. […] Ich hatte einige Anfrage aus Österreich, Schweiz, Amerika mal, die musste ich ablehnen. Das heißt, das internationale Publikum spricht mein Kanal schon alleine nicht an, weil ich ja auch nur auf Deutsch meinen Content mache. Aber vielleicht in der Zukunft, wenn ich vielleicht hoffentlich nächstes Jahr ins Ausland versende, ist dann vielleicht auch internationales Publikum dabei.“

 

JI: „Also darf man gespannt bleiben. Kommen wir nochmal zu deinem Schmuck. Würdest du deinen Schmuck als schon fast szeneartig beschreiben? Man kann ja schon sagen, das ist kein Schmuck den man in Schmuckhandlung XY vorfindet, sondern wirklich schon außergewöhnlicher.“

 

Sara: „Ja, mein Ziel war Szeneschmuck. Vielleicht ein bisschen auffälliger, ein bisschen in die Kinky-Richtung. Vielleicht ein bisschen in die Goth-Richtung, also Szeneschmuckaccecoires alltagstauglich zu machen. Viele Mädels schreiben mir zum Beispiel auch >>Hey, ich würde gerne einen Choker tragen<<, also ein Halsband aus Kunstleder >>Aber das ist mir zu doll. Ich trau` mich das nicht, gerade auf Arbeit. Ich hätte da gern` was filigranes<<. Und das ist so ein bisschen auch mein Ziel, das alltagstauglich zu machen. […] Aber du kannst auch einen feinen Choker, mit einem kleinen Amethysten als Anhänger bei mir kaufen. […]“

 

JI: „Du versuchst mit deinem Schmuck also eine Brücke zwischen den einzelnen Kulturen, Lebensweisen, alles mögliche, zu schaffen und so jeden abzuholen.“

“ Eine Brücke zwischen den einzelnen Kulturen, […].

Sara: „Ja, das finde ich auch schön, ehrlich gesagt. Also, es gibt eine Wiege, die geht ein bisschen mehr in die Fetischrichtung, dann gibt`s die Rave-Szene, dann gibt´s die Leute, die es einfach von der Ästhetik her schön finden […]. Genau, ich möchte, das alles vereinen, ich möchte da irgendwie alle Geschmäcker so ein bisschen bedienen, aber trotzdem immer noch, das man merkt >>Das ist LUNENOIR<<. Das ist meine Marke und ich möchte viele verschiedene Sachen machen, […] die nach außen hin immer zusammengewürfelt sind.“

JI: „Dein eigener Touch ist auf jeden Fall zu spüren (Wir lachen erneut). Man merkt, dass das Ganze ein Herzensprojekt für dich ist. Dass das nicht einfach ein Unternehmen ist, um mal schnell ein bisschen Geld zu verdienen. Hier steckt ordentlich etwas dahinter, du machst dir viele Gedanken und stimmst alles individuell mit deinen Kunden und Kundinnen ab. Das macht dich und deine Marke on top nochmal aus.“

 


CleanUp Duisburg

 

Im Juli 2019 gab es eine CleanUp-Aktion mit rund 20 Beteiligten in Duisburg, die durch Sara in die Wege geleitet wurde.

 

JI: „Du erzähltest mir von der CleanUp-Aktion. Wie genau ist diese abgelaufen?“

 

Sara: „Da gibt´s gar nicht so viel zu sagen. Ich bin irgendwann durch Neudorf gelaufen […] und da war ich sehr geschockt, wie heftig vermüllt das alles da war. Und da dachte ich mir >>Das geht nicht<< und dann ließ mich das auch nicht los, dieser Gedanke und dann hab´ ich mit `ner Freundin gesprochen, ob sie vielleicht Samstag mal Lust hat, mit mir Müll zu sammeln. Einfach für uns. Und dann hat sie gesagt >>Auf jeden Fall. Ihr ist das auch aufgefallen<< und dann hab´ ich überlegt >>Hey, vielleicht find´ ich ja doch ein paar Leute, irgendwie über Instagram oder über Facebook<<. Dann hab´ ich ein kleines Bild gemacht, hab´ gefragt, wer dann und dann Zeit hat, hab so ein paar Greifklammern gekauft, paar Müllsäcke und hab gesagt >>Wer sich anschließen möchte, kann das machen<<. Das war gar nicht mit so viel Planung verbunden.“

 

Sara lacht: „Ich würd´s heute anders angehen, wenn ich´s nochmal machen würde: mich mit den Wirtschafsbetrieben auseinandersetzen, zeitlich anders planen, größer. Aber das war eigentlich eine spontane Aktion und da war ich auch wirklich erstaunt, dass sich da auch Leute, die ich gar nicht kannte, gemeldet haben. Du hast eine Followerin, die hat es Leuten erzählt, die mir gar nicht gefolgt sind und die haben sich angeschlossen und dann waren wir glaube ich 15, 20 Leute, ja.“

JI: „Denkst du, das Umweltbewusstsein ist bei den Leuten hier schon sehr hoch, auch wenn man überall gefühlt einen Müllstapel sieht?“


Sara: „Das kann ich schlecht beurteilen, weil ich selbst vielleicht auch eine >>Bubble<< hab von Leuten im Social Media, die auch, denke ich, ein bisschen bewusster drauf achten oder sich mit den verschiedenen Themen überhaupt mal auseinandersetzen. […] In meiner >>Bubble<< auf jeden Fall, ja.“


 

Kein Freifahrtschein!

 

JI: „Kommen wir nochmal auf LUNENOIR zu sprechen. Was dürfen deine Kunden und Kundinnen zukünftig von dir und deiner Marke erwarten?“

 

Sara: „Die können erwarten, dass ich nie mich als Privatperson und dem Business trennen werde. Das heißt, das bin immer einhundertprozentig ich und ich werde kommunizieren, wenn´s. mir nicht gut geht und es wird vielleicht auch mal Zeiten geben, wo ich sage >>Ich muss mal einen Schritt zurückgehen<<. Aber dann ist das so. Ich hatte ja auch letztes Jahr mit Krankheit und Bandscheibenvorfall zu kämpfen. Das werde ich immer so machen. Ich werde nicht Dinge sagen, die ich nicht so meine und ich werde nicht Dinge anpreisen, um mehr zu verkaufen. Sie können erwarten, dass ich viele Sachen ausprobiere, dass ich vielleicht auch bei ein paar Dingen sag´ >>Hat mir nicht so gut gefallen<<. (Sara lacht) Ich glaube, die werden viele Versuche miterleben, Versuche einfach mit meinem Leben weiterzukommen, Ideen umzusetzen. Einfach irgendwie versuchen ich zu sein.“

 

JI: „Sie werden auf jeden Fall die authentische Sara erleben.“

 

Sara: „Ja […]. Ich muss aus meinen Kopf kriegen, ich mach mir oft Gedanken, wie ich auf andere wirke oder dass es auch Leuten nicht gefallen kann, was ich sage. Gerade mit dem Thema Veganismus. Aber ich sage immer >>Es gibt ja immer Leute, die dich doof finden<< und ich glaube, das möchte ich noch mehr.

“ Es gibt ja immer Leute, die dich doof finden.


JI: „Man kann es nicht jeden recht machen.“

 

Sara: „Ne. Irgendjemand findet dich immer doof. Egal, wie du aussiehst, was du machst. Gibt immer Leute, die dich doof finden.“

 

JI: „Hast du es schon oft erleben müssen, gerade auf Social Media Kanälen, dass dir Hassbotschaften oder sonstiges zugeschickt wurden. Gerade vielleicht wegen des Veganismus?“

 

Sara: „Wegen dem Veganismus nicht. Aber ja, wegen anderen >>Reels<< (Sara kichert vorsichtig), die dann doch ein bisschen weiter ausgespielt wurden. Die meine >>Reels<< nicht lustig fanden und die mir das nun auch sagen mussten, wie doof sie das jetzt fanden und dass das ja wirklich gar nicht lustig ist. Wenn ich über meine Ängste rede oder dass ich zum Beispiel Probleme hab´, […] nein zu sagen und da kommen Kommentare >>Wie peinlich ich sei<<, >>Kann doch nicht schwer sein, einfach mal nein zu sagen<<. Ja, hast du, aber muss ich mit umgehen und ich weiß auch, dass es wahrscheinlich nicht weniger wird, wenn ich damit weiter mache. […] Deswegen muss ich einfach mal auf gut Deutsch drauf kacken.“

 

 

Mutig sein, sich selbst zu sein

 

JI: „Um nochmal auf Burnout und dein Business zurückzukommen: Stress gilt als einer der Hauptrezeptoren für einen Burnout. Inwiefern ist es für einen selbst vereinbar, dass man einerseits an einem Burnout leidet oder gelitten hat, gleichzeitig jedoch aus dem >>sicheren Hamsterrad<< ausbricht, um sich ins risikoreiche Selbstständig sein hineinzustürzen. Genau das bedeutet doch Stress.“

 

Sara: „Das ist superschwierig zu vereinbaren. Seit dem Burnout sage ich auch >>Ich bin stresskrank<<. Das merke ich immer im Alltag an kleinsten Situationen. Das ist nicht einfach. Ich hab´ jetzt auch ´ne Therapie hinter mir. Ich muss mehr auf mich achten und darauf, welchen Raum ich mir einräume, auch mal Dinge, Dinge sein zu lassen und zu sagen >>Heute geht´s mir nicht gut. Ich weiß, ich hab´ noch einige Bestellungen. Ich wollte heut´ einiges machen, aber heute hab´ ich ´nen ganz schlechten Tag<< und dann ist es auch ok, sich mal ´nen halben Tag hinzulegen. Das ist sehr viel Arbeit mit mir selber, an mir selber, muss ich tatsächlich sagen, aber der Gedanke, dass ich mir mit der Arbeit und der Reflexion erkaufe, dass zu machen, was ich liebe, das ist es mir wert. Und dann muss ich an manchen Tagen sagen – da bin ich auch froh, dass mein Mann dann auch sagt >>Das darfst du. Du darfst heute krank sein<<. Ich hab´ in der Vergangenheit auch gemerkt, wie lieb meine Community ist. Wenn ich das kommuniziere, dann haben die da Verständnis für und deswegen versuche ich mir auch Mechanismen zu erarbeiten, dass ich sage >>Hey, bitte rechnet immer ´ne Anfertigung von acht Wochen ein<<. Natürlich sind die ersten Sachen, die reinkommen, schneller fertig, aber ich möchte mich da nicht unter Druck setzen. Es geht in ´nem Tempo, was ich vorgebe. Ich bin das Unternehmen und das ist mein Tempo. Und wenn das jemanden nicht gefällt und der das in drei Tage braucht, dann muss er woanders bestellen. Das ist völlig ok für mich.“

 

JI: „Das macht aber auch das authentische wieder aus. Du zeigst, du bist Mensch, Du bist keine KI.“

 

Sara lacht: „>>Kein Amazon<< sag ich immer.“

 

Nach all den wertvollen Einblicken in Saras Leben und ihrem Business, bat ich Sara um ein Statement.

 

JI: „Welchen Ratschlag würdest du denjenigen geben, die Träume, aber auch gewisse Selbstzweifel oder Ängste haben? Wie sollten sie vorgehen? Sollten sie Wagnisse eingehen oder lieber auf dem sicheren Pfad bleiben?“

 

Sara: „Probier´s aus. Eigentlich kann´s nur besser werden oder gleich schlecht und scheitere. Das bringt dich definitiv weiter.“

 

Depressionen, Burnout, Träume und Sehnsüchte – Thematiken, Problematiken die uns alle angehen. Jeden und jede Einzelne kann dies betreffen. Wir stehen vor Alltagsherausforderungen, die uns unüberwindbar erscheinen. Doch feststeht, Lösungen gibt es immer. Auch in Fällen von psychosomatischen Erkrankungen.

 

Für Seelsorge oder Soforthilfe bei Suizidgedanken, depressivem Verhalten wie Trauer, starker Rückzug von der Außenwelt, Versagens-Gefühle, […] werden neben Tagesklinik-Einrichtungen auch bundesweit telefonische Soforthilfen angeboten. Eine Liste hierfür gibt es u.a. unter familienportal.de

 

Wichtig ist, über seinen eigenen Schatten zu springen und sich selbst bewusst dafür zu entscheiden, sich helfen zu lassen. Psychosomatische Erkrankungen – ein Thema, dass noch heute als geradezu verpönt erscheint, sollte kein Thema der Scharm für jeden Einzelnen sein.

 


Literaturverzeichnis:

Interview JI mit Sara B.


Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Sara B. vor ihrem Logo in ihrer Werkstatt. Quelle: JI

Abb. 2: Sara B. mit ihrer eigenen Schmuckkollektion. Quelle: Lunenoir (Instagram)

Abb. 3: Sara B. in ihrer Werkstatt. Quelle: JI

Abb. 4: Sonderanfertigungen sind ebenfalls möglich. Quelle: Lunenoir.de

Abb. 5: Anfertigung einer neuen Maßanfertigung. Quelle: JI


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